re:wind

Oktoberfest verpasst, Urlaub gehabt. Sonne gefunden, mit Anschluß ans Meer. Das Couchtier gestreichelt, den Mann geknutscht. Doof herumgestanden, an S-Bahnen gezweifelt. Der Chefin gesagt, was ich nicht mag. Im Kino gegruselt, Entfernungen verwünscht. Kuchen gebacken. Kuchen gegessen, Kuchen essen lassen, Frühling verpasst.

Den Sommer nicht geglaubt, Herbst vorgespult. Nun ist es der letzte Herbst mit einer ärgerlichen Tätigkeit und wenn es nun November wird, fängt was Neues an, gegen die Natur. Na hoffentlich guckt die nicht so genau hin.

Lose Gedanken zum Erinnern ohne Orte

Ich bin nie weggezogen und doch gibt’s die Orte, an denen ich großgeworden bin, nich mehr. Wenn ich mich erinnern will, besuche ich diese Orte der Kindheit, ich komme zu Fuß oder mit dem Auto, parke es, steige aus, gehe los und erkenne nichts wieder. Wenn ich mich erinnern will, muss ich es in Büchern zum Leben in der DDR nachlesen oder schwarz-weiße Fotos zur Hand nehmen und mich neben die Orte stellen, die Fotos in der Hand haltend und sagen:

„Hier. Genau hier stand ein Konsum. Im Schaufenster standen immer so alte, von der Sonne ganz ausgebleichte Nudelpackungen. Eigentlich waren die Nudelpackungen mal blau und rot, doch das weiß man nur, wenn man täglich am Konsum vorbei kam, über Jahre und nun weiß man es gar nicht mehr, denn der Konsum ist nun ein Wohnhaus mit komischen langen Fenstern, mit weißen Gardinen bis auf den Fußboden.“

Wenn ich mich erinnern will, habe ich das Bild des Hofes genau im Kopf und die Hühner und die schwarz-weiße Katze und die Garage mit den Asbestplatten, den zugewucherten See, zu dem wir radelten, bergauf, bergab, erst zum See, dann Zuhause Tomatenstullen mit klein geschnittenen Gurkenstückchen, weil ich Zwiebeln als Kind nich mochte, aber sehr die Illusion, ich äße Zwiebeln, „wie so ne Große“ .

Den Hof gibt es noch, aber ohne Asbestplatten. Die Katze wohnt inzwischen am Ende vom Garten, gleich neben dem zuletzt gepflanzten Apfelbäumchen. Den See gibts noch, nur fahren nun keine Schulkinder mehr zum Baden hin, weil er abgesperrt und eingezäunt is und schön, aber eben nur dahinter. Und Tomatenstullen, die esse ich immer noch gern, inzwischen mit Zwiebeln, wie so ne Große.

Wenn ich mich erinnern will, würd ich gern das Bild in meinem Kopf über die Orte stülpen, an denen ich stehe, um meine Erinnerung anzukurbeln, doch die Bilder passen nich. Sie sind so verändert, als suchte ich am falschen Ort nach Erinnerungen. Es gibt keine LPG mehr und keine LPG-Kantine, in der ich als Ferienkind Graupen aß und Eintopf und „Tote Oma“. Es heißt immer noch Genossenschaft, Kühe und Saatgut gibt’s auch immer noch, doch darf der Hof bei Strafe nich betreten werden, von Kindern bestimmt schon doppelt soviel nich.

Es gibt die Ferienlager nich mehr, in die wir fuhren, in dessen Kieferwäldchen wir Nachtwanderungen machten, heimlich nachts vom Steg in den See hüpften, Neptunstaufen mit grüner Grütze und Unterduckern hatten und ach ja, die Fahnenappelle, mein Gott, was is das alles lange her und nirgends auf einer Karte zu finden.

Alles platt gemacht, Häuser hingestellt, eingemeindet, neu umzäunt, alles, alles weg, meine, unsere , so viel Geschichte weg und nur gut, dass mein Kopf (noch) Bescheid weiß und sich von den hübschen, toll sanierten Kirchen und modernen Ställen und asphaltierten Straßen nicht erzählen lässt, es wäre nichts gewesen.

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