Hilft Hass?

Liebes Tagebuch,

eins muss ich dir lassen, kommen kann ich dir ja mit Allem. Egal wie blöd, öde, alltagsbanal die Sachen sind, die täglich in [mir] und um mich herum passieren: ich kann sie dir alle antun. Klaglos nimmst Du hin, wenn das aufregendste Ereignis  des Monats eine Zahn-OP ist oder der verschüttete Kaffee am Morgen. Unbeanstandet bleiben meine Stimmungsschwankungen, unkommentiert meine Ängste, 5 Minuten zu spät zu kommen, und damit den Weltuntergang einzuleiten. Kurz: Du bist so genügsam, dass Du alles hinnimmst, was ich dir gebe und das Schöne daran ist: wenn ich es dir mitteile, ist es einmal durch meinen Kopf, durch meine Finger zu dir geflossen und ich kann es loslassen. Das Banale, das Alltägliche, das Eine-Meene-Mu-Leben, Alles.

Leider sind Nachrichten gar nicht wie du, liebes Tagebuch. Nachrichten werden von anderen gesendet, unter anderem, um mich zu informieren und  nein, ich habe keine Möglichkeit, bevor eine Nachricht auf Hirn und Herz prallt, abzuwägen, ob ich die Nachricht gerade verkrafte. Ob ich die Bilder verkrafte. Den Hass. Die gefühlte Sterilität, mit der sachlich berichtet wird, um objektiv zu bleiben.  Hass, ganz sachlich.

Nein, Nachrichten waren noch nie ein Ponyhof, in dem jedem Ereignis Trost und frisches Heu entgegensetzt wurde, der Ort dafür war immer Twitter. (Auch für Heu.) Das Gegenstück, wo Hass auf mehr Hass trifft dagegen, ist Facebook. Immer mehr habe ich das Gefühl, als wenn die Menschen nicht dieselben sein können, die auf Twitter Kraft und Liebe geben und die, die hetzen, die schrecklichen Tragödien dazu nutzen, aufzuwiegeln, Vorurteile zu verstärken, kurz: zu spalten, zu polariseren.

So wie eine emotionale Spaltung auf Twitter/ Facebook – vielleicht ja nur für mich?- stattfindet, so wird gefühlt die Gesellschaft mitgespalten. Ich weiß nicht mehr, wohin mit all dem Hass, der mich anspringt. Ich fühle ihn nicht, aber ich begegne ihm jeden Tag. Lese ihn. Auf Bildern springt er mir entgegen, kreischt mich in Schlagzeilen an. Je hässlicher, je bestialischer – desto größer, röter die Schlagzeile. Am besten  das Grauen mit Bildern unterlegt. Unverpixelt. Und wer dann noch genug Mut hat, der wagt es, in die Kommentare zu schauen. Da sitzt er, der Hass. Ganz pur.

Ich habe das Gefühl, dass diesmal etwas anders ist. Da, wo wir früher immer sagen konnten, dass wir früher immer das Gefühl hatten, es wäre noch nie so schlimm gewesen wie es jetzt gerade ist. Nur habe ich diesmal Angst, dass all das große Schlimme eine Spirale ist, die größer und größer wird, eine, in der sich Hass befeuert durch Aufmerksamkeit und -geschützt durch sich selbst bestätigenden Filterblasen- sich in Etwas zu entladen, dass das Ende von allem sein kann. Der Welt, wie wir sie (noch) kennen. Das Ende von allem, außer dem Hass. Denn der scheint aktuell das Einzige zu sein, der stetig gefüttert wird.

Liebes Tagebuch: wenn mehr Menschen ihren Hass in ein kleines Buch wie dich kübeln würden, es allabendlich unters Kopfkissen schöben, und Tags darauf erneut läsen – ganz ohne, dass jemand kommentieren könnte: wäre er sich immer noch _so_ sicher? Ohne das Aufschaukeln? Würde er losgehen im Nationalhemd und Jagd auf Dunkelhäutige machen? Würde er sein Luftgewehr zückem und es für eine gute Idee halten, auf Bewohner einer Flüchtlingsunterkunft zu zielen? Und abdrücken? Würden sie mit Reichstagsbeflaggung zur EM nach Frankreich einreisen, um dort auf Fans einzuprügeln?

Ich bin nicht jeden Tag dieselbe. Auch hasserfüllte Menschen müssen lichte Momente – vielleicht die der Liebe, des Glücks, der Klarheit-  haben.  Erkenntnis, vielleicht. Die einseitige Sichtweise der Hasserfüllten lebt von Bestätigung, sie ernährt sich von Nachrichten zum selben Thema und sie braucht Kommentare, das Um-sich-selbst-kreisen. Der Hass füttert den Hass.

Deswegen mag ich das Projekt „Hass hilft“ (hier) gern, weil es versucht, ein Gegengewicht zu schaffen. Und dennoch: es fällt es mir schwer, sogar in einem so gut gedachtem Konzept eine positive Verknüpfung mit dem Wort „Hass“ herzustellen. Hass ist so groß, so stark, so raumnehmend, dass ein +“hilft“ ihn nicht aufhebt. Nicht aufheben kann.

Ja, das ist bekannt und trotzdem: „Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit“ ist das erste, was mir dazu einfällt. Und, natürlich „Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.“ Bestimmt ist all die ausgewogene Berichterstattung über einen Donald Trump, über eine AFD nur Zeichen für eine gesunde Medienlandschaft, die ausgewogen und differenziert über alles berichtet, um sich nicht den Vorwurf gefallen zu lassen, nicht zu berichten. Ja, ganz bestimmt berichten die Medien auch nur deshalb so gern und mit größten Lettern über zündelnden Unfug, weil ein Medienecho, die Empörung nur noch durch Skandal und die folgende  Relativierung zu erreichen ist, das Ganze dann wochenlang über mehrere Headlines.

Es gilt nicht mehr, wer hat Recht – es gilt, wer schreit das Unsäglichste am lautesten heraus und wer schreibt es zuerst auf.

50 tote Menschen in 3 Stunden. 50 Menschen teilweise schwer verletzt. Weil einer hasst. Andere, die anders sind. Oder seine eigenen Dämonen. Viel Spekulation, noch mehr Hass und  wenig Wille zum Differenzieren. Fakten stören beim Spalten nur.

Es gibt täglich neuen Hass, über den berichtet wird. Hass, der sich entlädt, Hass, der Aufmerksamkeit bekommt und noch mehr Hass sät. Ich möchte das Alles nicht mehr. Weder mitanschauen, noch verarbeiten, noch mich fragen, was für Schrecklichkeiten wohl noch geschehen werden. Ich will nicht Rädchen im Kreislauf des Hassens sein.

Können wir nicht ein riesiges Bed-In veranstalten? Mit Liebe überall, Botschaften der Toleranz, des Respektes, der Offenheit – ja,  wo sind sie? Zur Abwechslung ein mal die Zeitungen voll mit Überschriften der Liebe? Mit Herzen und offenen Armen für Alle? Inklusive Kätzchen und free Hugs? Wo verdammt ist die Liebe, wenn wir sie brauchen? Sie bleibt so schrecklich unsichtbar. Ausgerechnet jetzt.

Liebes Tagebuch: der Hass soll nach Hause gehen. Wir können ihn nicht mehr durchfüttern, sonst fressen wir uns selbst.

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Angsthops

Sagen wir es, wie es ist: ich bin ein Angsthase. Ob es mit  dem verweigerten Sprung vom 3 Meter Brett anfing oder einem Vortrag in Biologie  über die Vererbungslehre und ich vor der gesamten Klasse stand und mir das Ganze als außerkörperliche Erfahrung vorkam – ich weiß es nicht.

Was ich weiß, ist dass ich nun mit fast 40 Jahren im Vergnügungspark ein ums andere Mal Achterbahnfahrten lieber von der Parkbank aus ansah, während eine Gruppe ungefähr 8jähriger Jungen und Mädchen dem Wagen entstieg und sich sofort erneut anstellte. Rennend, natürlich.

Ich hatte eine Fahrt mit der ältesten und als ‚kinderfreundlich‘gekennzeichneten Bahn nur knapp überlebt -zumindest war ich felsenfest davon überzeugt- und überhaupt: mein Adrenalinspiegel brauchte eine Auszeit. Ein oder zwei Jahre durchatmen, das wäre schön.

Also: Wann hat das Angst haben angefangen? Gibt es ein Alter für’s Angst haben? „Jegliches hat seine Zeit“, sangen die Puhdys dereinst. Gilt das auch für‘s Fürchten? Die beste Freundin sagt, kleine Kinder hätten noch keine Angst, weil sie die Konsequenzen nicht kennen.

Da gibt es diese eine Bild von mir, darauf bin ich 6 oder 7. Und auf diesem körnigen s/w Foto sehe ich schrecklich ängstlich aus. Ich sitze in einem Ruderboot und ich kann nicht schwimmen und ich habe die nackte Panik im Gesicht, obwohl meine Eltern und mein jüngerer Bruder mit im Boot sitzen. Und: mein kleiner Bruder sieht kein bisschen ängstlich aus. Eher abenteuerlustig.

Also: was war da bitte los? (Ich hab das mangels Foto mal, äh, skizziert.)


Wisst ihr noch, wann ihr das erste Mal Angst hattet? Und ging das wieder weg?

Angstfilterblase

Guten Tag, meine Name ist @kullerfieps und ich habe Angst.

Was mir Angst macht, sind die Ängste meiner Familie. Meiner Verwandten. Meiner – ich sage es jetzt – Freunde. Was mir Angst macht, ist, dass meine Verwandten, meine Familie, meine Freunde sagen könnten, sie haben Angst vor den Fremden. Den Unbekannten. Den Geflüchteten.

Weil ich mich dann der Situation stellen muss, die ich sonst durch Entfolgen/Blocken (auf Twitter), Ausblenden/Entfreunden (auf Facebook), wegschalten (Fernsehen) oder Raum verlassen (Büro)ausweichen kann.

Weil ich mir bis dahin vormachen kann, meine Eltern, meine Geschwister, meine Cousins, meine Cousinen, meine Schulfreundinnen wären wie ich immun gegen die Hetze. Weil ich mir bis dahin einreden kann, sie könnten Nachrichten von Aufhetzartikeln unterscheiden, Politik von rechter Propaganda und  wären sich dem Unterschied zwischen Fakt und passend gemacht bewusst.

Weil ich mir bis dahin einreden kann, sie würden Nachrichten außerhalb ihrer Filterbubble wahrnehmen, während ich es mir in meiner schön und bequem gemacht habe und kein Stück besser dadurch bin, weil ich mich auf der richtigen Seite wähne. Unsere modernen Scheuklappen lassen keine Zweitmeinung durch; sie bestätigen, was wir zu wissen meinen. Wir, genauso, wie die „Gegenseite“.

So entfernen wir uns immer weiter voneinander, die Fronten härten aus – bis man dann zu Weihnachten oder zum Geburtstag daheim anruft und wie vor den Kopf gestoßen ist, wenn eine Meinung durchscheint, die bisher schön ausgefiltert war. Das ist ein Problem: in der Familie sind unsere Filter unbrauchbar.

Wir kommen erst zusammen, wenn die jeweilige Meinungsfindung abgeschlossen ist. Wir sind erschrocken, wir stehen davor und verstehen nicht, wie wir uns soweit voneinander entfernen konnten. Wir reden vorsichtig mit zerspringendem Herzen aufeinander ein, ich appelliere an Vernunft und Humanität, ich finde Angst, Verunsicherung und die Hoffnung auf eine einfache Lösung. Eine einfache, menschenverachtende Lösung, denke ich: eine aufgegangene Saat, weil ich, weil wir zulange die Filterscheuklappe getragen haben und ihr Sprießen nicht bemerkt haben wollten.

Ich muss mich plötzlich positionieren und ich kann es kaum sachlich tun, weil es mich so schmerzt. Wie können Menschen, die ich mag, liebe, und/ oder zu meinen Verwandten zähle, tatsächlich glauben, das Problem seien „die Anderen“,“ die Fremden“? Wie kann das sein?

Ich möchte sie schütteln. Ich wünsche mir kurz, ich würde sie nicht kennen. Schließlich hoffe ich, sie zu überzeugen,doch höre ich aus jedem Satz, den ich ins Telefon spreche, mein Zittern, meine Angst selbst heraus. Ich überzeuge nicht, denn ich habe selber Angst. Angst vor den Ängsten meiner Familie.

Während ich still bin, haben Andere Ansätze für mögliche Antworten gefunden:

http://bildkorrektur.tumblr.com/

http://www.mohrenpost.de/2015/07/24/meine-antwort-an-eine-besorgte-buergerin/

http://www.mohrenpost.de/2015/12/25/grenzen-dicht-fluechtlinge-raus-mit-einem-besorgten-buerger-unterm-weihnachtsbaum/

Danke dafür.