Ein superangepasstes Kind

Manchmal frage ich mich, wer ich geworden ware, wäre es mir egal, was andere Menschen von mir halten. Wie es wäre, herauszufinden, was ich wirklich tun möchte, statt in Betracht zu ziehen, zu tun, was andere gerne tun. Manchmal frage ich mich, wie ich hätte werden können, wäre ich nicht in einem totalitären Staat aufgewachsen, der mir beigebracht hat, so zu sein wie alle anderen sei das erstrebenswerteste, was es gibt. nur, dass es diese anderen nun nicht mehr gibt.

Ich war ein super angepasstes Kind in Pionierkleidung, das Halstuch ordentlich gebunden, stets pünktlich bei den Subotniks (Arbeitseinsätzen an Wochenenden, z.B. Altpapier sammeln, Blumenrabatten harken, Kartoffelkäfer vom Feld sammeln, …) und irgendwann Schriftführerin im Gruppenrat. Ich war das perfekte Pionierkind in einer klar stukturierten Welt, es gab gut (alle kommunistischen Bruderländer) und es gab böse (das kapitalistische Ausland, allen voran die USA und die BRD), es gab keine Grautöne, es war einfach, es gab immer den Staat, den Staatsbürgerkunde-Lehrer, den Pionierleiter, den Arzt, meine Eltern, die mir genau sagten, was ich tun sollte. Und das tat ich dann.

Es gibt eine Sache, an die ich mich erinnern kann, die ich gern gemacht habe, ohne dass es mir nahe gelegt oder empfohlen wurde, und das war lesen. Ich war jeden Samstag in der winzigen Dorfbibliothek und las mich durch sämtliche wenigen Regale. Das Ich, das Individum, das war jemand, den es nur in der Bibliothek gab, wenn ich mir allein ein Buch aussuchte. Sonst war ich die Tochter, die Pionierin, die Schriftführerin, die Altpapiersammelnde, das vorbildliche, fleißige Mädchen, das froh war, dass es klare Regeln gab, innerhalb derer sie wusste, wie sie sich bewegen sollte. Wie ich lernen konnte, was ich selber mag oder tun möchte, davon wusste ich nichts.

Manchmal frage ich mich, was davon erlernt ist und was davon veranlagt ist. Bin ich gern ein angepasstes Kind gewesen, weil es mir Entscheidungen abgenommen hat? Ich entscheide mich noch heute schwer, meistens warte ich, bis mir jemand die Entscheidung abnimmt, sei es bei Aussuchen des Lieferservies oder des Weins im Restaurant oder auch, wohin die Urlaubsreise geht. Sogar meinen Ausbildungsberuf habe ich nicht selbst ausgesucht. Ich bin zum Vorstellungsgespräch gegangen, obwohl ich hatte studieren wollen, weil meine Mutter gesagt hat, etwas Bodenständiges sei wichtiger und tief in mir drin glaubte ich das sehr gern, und jedenfalls, sie haben mich sofort genommen und nun bin ich jemand mit kaufmännischer Ausbildung und 15 Jahren in demselben Beruf, was okay ist. Mehr leider nicht, aber ‚okay‘ ist schon ziemlich viel, finde ich.

Als die DDR sterben ging und alles in sich zusammenbrach, war ich keine 14 Jahre alt und das, was mir von außen Halt und Struktur gab, ging, und, schlimmer, es hatte sich als falsch, wertlos, zerstörerisch und menschenverachtend erwiesen. Die Lehrer, die uns vom großen Bruder Sowjetunion erzählt haben, haben gelogen, die Partei hat gelogen, der Staat hat Menschen weggesperrt, Menschen, die flüchten wollten, an der Mauer erschießen lassen, der hochdekorierte Stalin war ein Schlächter und Tyrann gewesen, das kommunistische Programm eine Idee, die gescheitert war, nicht am kapitalistischen Ausland, nein, an sich selbst und seinen Dogmen.

Alles, was mir, uns von klein auf eingeimpft worden war, war ungültig geworden. Ich, wir waren keine Pioniere mehr und würden nie zu FDJlerinnen werden. Der klar vorgezeichnete Weg war fort und so vielen war das Erleichterung, Freiheit, Freude. Mir war der vorgezeichnete Weg etwas gewesen, was mich sicher gemacht hatte: der Staat hatte einen Plan, einen Weg für mich gehabt(Schule, Ausbildung oder sogar Studium, Werktätige oder Wissenschaftlerin, Elternteil und Erziehende, …) und nun lag statt des Weges vor mir nur ein leeres Blatt Papier, auf das ich nichts zu zeichnen wusste.

Was lag mir? Woran lag mir etwas? Ich hatte keine Ahnung, ich ließ mich treiben. Ich war 14 geworden und wäre eine superangepasste Jugendliche geworden, nur dass die Welt um mich herum nicht mehr die war, an die ich mich hätte anpassen können.

Es war die Zeit, in der ich in mein Tagebuch schrieb, es gäbe nichts wichtiges, als das, was andere Menschen von einem halten. Und glaubte jede Silbe davon. Das superangepasste Kind wurde eine Jugendliche, die glaubte, jede(r) sein zu können, der gerade gefragt war. Der Satz: ‚ich kann jede(r) sein, den du haben willst‘, folgte später nach. Das Gruslige ist, wie lange das bis heute nachwirkt und dass ich gern in meine Jugend zurückreisen würde, um mich selbst bei den Schultern zu packen und mir zuzurufen: „Du bist schon jemand! Du musst nicht sein, wie dich jemand haben will! Tu nur, was Du selbst tun willst!“

Zurück bleiben Erinnerungen an eine Kindheit, die eine Lüge war, Strukturen, die nichts als Scharade waren und eine Jemandin, die nicht weiß, wer ich hätte werden können, dafür aber in einem Land lebt, das mir die Freiheit lässt, es herauszufinden. Irgendwann mal.

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