All good ideas are already taken (I tend to blame it on the internet)

Neulich erzählte mir eine Kollegin, dass sie jetzt einen Nähkurs macht. Ich war begeistert. Dann erzählte sie davon, dass sie sich außerdem noch mit kreativem Schreiben beschäftigt. Ich war beeindruckt. Für dieses Projekt gab es eine Hausaufgabe, erzählte sie weiter. Jeder ihrer Gruppe musste täglich 3000 Wörter schreiben. Egal was. Es musste nur mit der Hand geschrieben sein. 3000 Wörter.

Wow. Ihre Begeisterung war mitreißend und sie war absolut überzeugt davon, dass DIESE EINE SACHE ihre Sache war. Kreatives Schreiben. Punkt. Da ich keine Ahnung von kreativem Schreiben habe, geht mein Text jetzt einfach ohne super Überleitung in den Teil über, auf den ich vorhatte, überzuleiten, denn MEINE EINE SACHE ist schonmal nicht kreatives Schreiben. Offensichtlich.

Die Sache ist, dass ich nicht weiß, was die Sache ist, weil ich zu beschäftigt bin, immer wieder, Sachen zu tun, von denen ich annehme, sie wären vielleicht meins, weil sie mir an anderen Menschen gefallen, vor allem, weil sie offenbar Personen sind, die Ideen haben, Sachen zu tun – so richtig selbst zu tun! Verrückt. –  statt etwas nachzumachen oder abzugucken aus Mangel an Einfällen wie so jemand, der keine Ahnung hat, was IHRE EINE SACHE ist.

Die Sache ist die, dass ich keine Ahnung habe, was meine Sache ist, und aus diesem Grund probiere ich ständig Sachen aus, von denen ich jedes Mal 100%ig überzeugt bin, das jetzt wäre diesmal wirklich ganz gewiss mein Ding, genau 5 Minuten lang absolute Gewissheit, bis ich von der nächsten coolen Sache im Internet lese und denke, Moment, nee warte, nee – Bäume behäkeln war es doch nicht, es muss Inlineskaten/Backen mit Agavendicksaft/Kalligraphie/Basejumping/Instagram sein. Was habe ich alles probiert, weil ich dachte, Hey, cool!, DAS IST ES.

Essen fotografieren. So, dass es schön aussieht.

2014-07-09 19.21.55(Vielleicht setze ich ein Entschuldigungsschreiben auf, direkt adressiert an die italienische Flagge. Es kam so über mich, ich habe wirklich keine bessere Erklärung für dieses Pastadesaster.  Wobei, hilft es, dass es lecker war? Nein? Dachte ich mir schon.)

Sonnenaufgänge fotografieren. So, dass jeder anders aussieht.
2014-09-15 19.02.50-1(Geht, bleibt aber ein Sonnenaufgang.)

Kuchen backen, und so fotografieren, dass er schön aussieht.
2015-02-14 20.07.17(Wunderschön, nicht wahr?)

Auf der Straße verlorene Zopfgummis fotografieren, so dass sie schön aussehen.

image3(Unmöglich.)

Sport machen, weil es coole Apps dafür gibt. (Ich hasse Laufen immer noch, bilde mir aber ein, dass die Zombies, die mir in den Nacken knurren, unmöglich wissen können, dass ich Laufen ätzender finde als keuchende Untote, die sich von fallen gelassenen Batterien und T-Shirts ablenken lassen. Pffft.. as if.)

Yoga machen, weil es coole Bücher dafür gibt. (Bücher kaufen. Matte kaufen. 3 Tage dranbleiben. Es abends vergessen weil -wer hat das kommen sehen?-, keine Lust. Oh Mist, da ist ja Staub drauf. Bloß schnell die Yogamatte einrollen und hinten in den Schrank stellen, für Morgen, irgendeinen anderen. Vielleicht verschenk ich die Matte zu Weihnachten an jemanden, der echte Leidenschaft für den aufschauenden Hund hat, ach, und Rücken, einen geeigneten Rücken, das wäre hilfreich.)

Den Job kündigen, alle Sachen verkaufen, ein Boot kaufen und auf Weltreise gehen. (Nicht ernsthaft in Betracht gezogen, weil ich mindestens so abenteuerlustig bin wie Chicoree. Einheimischer Chicoree. Gekocht ohne Salz. 5jährigen Kindern serviert, die ihre Spaghetti-mit-Tomatensoße-Phase haben. Es hilft nichts, sehen wir der Wahrheit ins Auge: Chicoree wird eher etwas wirklich Erschütterndes erleben als ich. Dafür kann ich Versicherungen gegen alles abschließen. Eat this, Chicoree!)

Modische Kleidung kaufen, weil es Sendungen darüber gibt, wie modische Sachen irritierend gut an einem aussehen können, OKAY: solange es ein freundlicher Designer kommentiert, und NAJA, solange 217 Regeln beachtet werden, na schön, zuviel Budget müsste auch da sein ist, aber es ist so verdammt überzeugend, also, während eins die Sendung guckt und 10 Minuten danach, aber dann, dann fällt mir wieder ein, mein Lieblingsshirt hat ständig Flecken, was nichts am Status Lieblingshirt ändert und davon abgesehen trage ich sowieso ausschließlich Röcke. Mode also wird vermutlich nicht mein Lebenszweck werden. Mensch, schade.

10.000 Schritte am Tag zu machen, weil meine App mich dann lobt. (Das geht an manchen Tagen super, das lass ich so. Aber: als DIE EiNE SACHE, die ich kann, kommt mir das nicht sonderlich erfüllend vor. Der engangiert lobenden App zum Trotz. Ich meine: DIE EINE SACHE muss größer sein, oder? Als 10.000 Schritte am Tag?)

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Jedenfalls, ich glaube, ich wollte auf etwas hinaus. Nämlich: das Internet ist voll von kreativen Menschen, die wissen, was genau ihr Ding ist. Sie sind lustig, ausdruckstark, zeichnen Cartoons, machen aus Kaffeeflecken Gemälde, schreinern ihre Möbel selbst oder schreiben die lustigsten Blogposts (I am looking at you, das Nuf and at you, everywhereist.com). Es wirkt so mühelos, so einschüchternd, einfach, SO großartig: ich sitze und lache oder ich bin berührt oder denke, WHAT?, wie haben die das nur hingekriegt?

Nun mal ganz im Ernst: Woher zum Teufel wisst ihr alle bitte einfach, dass DIESE EINE SACHE, die ihr macht, genau EUER Ding ist? Sagt mal: wie geht das? Und gebt ihr Kurse? Oder hat es euch jemand verraten? Wenn ja: wer hat es Euch gesagt? Habt ihr es selbst gemerkt? Wie habt ihrs gemerkt? Hat wirklich jeder so eine Sache? Und wie schafft ihr es, bei DIESER EINEN SACHE zu bleiben?

Ist Geduld gratis bei der Eingebung dabei? Trifft es eine(n) wie ein Blitz – Erkenntnis, Apfel, das ganze Programm? – oder ist es ein Prozess, etwas was sich ergibt? Muss man Beziehungen in die Unterwelt haben oder reicht so ein Social Media Experte, um nachzuhelfen? Macht es euch glücklich? Hält es für immer? Wenn ich es heute nicht weiß, weiß ich vielleicht morgen? Und wen genau kann ich noch nerven außer das Internet mit meinen Fragen?

Könnte es nicht auch sein, dass ich dazu verdammt bin, langweilig zu sein und darin ein verdammter Vollprofi? So richtig gut. Ist das die eine Sache, die sonst niemand wollte, und ich habe mich halt nicht rechtzeitig festgelegt und deshalb ist being boring für mich übrig geblieben? Ja?

Ich wünschte wirklich, ich wüsste, was mein Ding wäre. Vielleicht wäre das ja endlich genau mein Ding.

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