Diktat des Erleben-müssens

Dieser großartige Auftritt, der sagt: Erlebt was. Erzählt davon.

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Neulich in der Werbung. „Um etwas zu teilen, müssen wir erst etwas erleben.“

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Etwas später, derselbe Werbeblock. „Reise dich interessant!“

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Okay. Ich sortiere noch, aber –

Wann ist aus dem „Uii, da will ich hin, weil es da großartig ist.“ dieses „Ich will dahin, um allen zu zeigen, wie großartig ich bin, weil ich dahin fahre.“ geworden? Wann ist das Erleben zum Zweck geworden? Etwas erleben, um es anderen erzählen zu können. Irgendwohin reisen, um es fotografieren zu können und zu teilen. Und wenn alle reisen, alle Dinge tun, wer hört sich dann all die Geschichten an, die andere erzählen können, weil sie den Schweinehund in Pflege beim Nachbarn gegeben haben und reisen und erleben und fotografieren und meine Güte, wahnsinnig tolle Geschichten sind das, die möchten erzählt werden, aber wem denn, wenn alle Abenteurer und Momenteinfänger mit Netz sind?

Es ist so: Ich finde es großartig, wenn Menschen um die Welt reisen. Ich finde es großartig, anderen nach dem Abenteuerlustig-gewesen-Sein zuzuhören. Ich like Bilder vom Abenteuerlustigsein. Ich finde es großartig, auf der Couch zu liegen, während ich davon lesen kann, was es alles außerhalb meiner Couch gibt und wie wunderbar andere es einfangen. In Bildern, in Texten, in Songs.

Es ist auch so: Meine Abenteuerlust ist sehr begrenzt. Meine Abenteuerlust wird vollkommen bei Vorstellungsgesprächen, in Menschenmassen oder bei Gesprächen mit Kollegen in der Kaffeeküche aufgebraucht. All die Geschichten, die andere erleben – ob sie es in Serien im Fernsehen tun oder als Protagonisten in Büchern oder als Menschen in meinem digitalen oder unmittelbarem Umfeld tun – lese, höre, schaue ich mir an.

Und ganz, ganz selten habe ich dabei das Gefühl: Wow, das muss ich jetzt unbedingt auch probieren. (Einen Dreierpack Drachen aufziehen. Zu Fuß durch Südafrika ziehen. Aus einem Flugzeug springen. Unter einer Kuppel aufwachen. Oder oder.)

Drum: Erlebt was. Erzählt davon. Ich bleibe hier.

Jemand muss schließlich da bleiben und die Katzen füttern.

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