Zuppelstadt mit kalten Griffeln

Diese bissige zuppelige Stadt, die so gut versteckt, dass sie sich freut, dass ich in ihr umherlaufe, -fahre, -irre. Jede Strecke zweimal falsch fahren muss, um sie einmal richtig zu lernen, weil ich an Orten aussteige, die mindestens eine Station vor oder hinter der liegen, die richtig gewesen wäre, und wenn der Weg wirklich das Ziel wäre, wäre München der größte Zieleinlauf der Welt aber das sage ich der Stadt nicht, die weigert sich ja schließlich auch, zuzugeben, dass sie das mit dem Verlaufen extra macht, für alle Zugereisten und die, die es sich wieder anders überlegen, wenn sie in der S-Bahn stehen und sich fragen, wie das passieren konnte. München. Das macht doch niemand extra.

Es ist endlich kalt geworden, so kalt, dass ich das endlich gerne zurücknehmen würde, aber es steht schon da, also anders, es ist – Überraschung! – nun doch noch Winter geworden in diesem Januar, es war nicht abzusehen, es ist Januar, es ist Winter, es ist kalt und ich fahre die 2 Stationen bis zur S-Bahn plötzlich lieber mit dem Bus statt zu laufen, ja, es ist kalt und frostig ist es auch im Büro, nicht unter den TeamkollegINNen, nee, mehr so das allgemeine Klima in den Flur- und Meetinggesichtern, es läuft nicht schlecht, es läuft nicht gut, nein, es läuft gar nicht und was auch nicht läuft ist, bin ich, zu Fuß zum Bus zur S-Bahn ins Büro aber ja, da waren wir schon also halten wir fest, an Bushaltegriffen und Vordersitzen, es läuft nicht und es ist kalt dabei.

Kalt geworden ist es auch gestern, weil, huch, klingelte die Polizei, dingdong, guten Tag, bei ihren Nachbarn nebenan ist eingebrochen worden heute, haben sie etwas mitbekommen vielleicht?, nein haben wir nicht, haben nun aber Angst aber nein, wir waren nicht da, weil wir in Büros waren, während Einbrecher nebenan waren und nun fühlen wir uns zuhause nicht mehr sicher, aber danke, nein, wir haben nichts gemerkt.

Es ist kalt und es ist Januar und nun möchte ich bitte sehr gerne nach Hause.

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Diktat des Erleben-müssens

Dieser großartige Auftritt, der sagt: Erlebt was. Erzählt davon.

*

Neulich in der Werbung. „Um etwas zu teilen, müssen wir erst etwas erleben.“

*

Etwas später, derselbe Werbeblock. „Reise dich interessant!“

*

Okay. Ich sortiere noch, aber –

Wann ist aus dem „Uii, da will ich hin, weil es da großartig ist.“ dieses „Ich will dahin, um allen zu zeigen, wie großartig ich bin, weil ich dahin fahre.“ geworden? Wann ist das Erleben zum Zweck geworden? Etwas erleben, um es anderen erzählen zu können. Irgendwohin reisen, um es fotografieren zu können und zu teilen. Und wenn alle reisen, alle Dinge tun, wer hört sich dann all die Geschichten an, die andere erzählen können, weil sie den Schweinehund in Pflege beim Nachbarn gegeben haben und reisen und erleben und fotografieren und meine Güte, wahnsinnig tolle Geschichten sind das, die möchten erzählt werden, aber wem denn, wenn alle Abenteurer und Momenteinfänger mit Netz sind?

Es ist so: Ich finde es großartig, wenn Menschen um die Welt reisen. Ich finde es großartig, anderen nach dem Abenteuerlustig-gewesen-Sein zuzuhören. Ich like Bilder vom Abenteuerlustigsein. Ich finde es großartig, auf der Couch zu liegen, während ich davon lesen kann, was es alles außerhalb meiner Couch gibt und wie wunderbar andere es einfangen. In Bildern, in Texten, in Songs.

Es ist auch so: Meine Abenteuerlust ist sehr begrenzt. Meine Abenteuerlust wird vollkommen bei Vorstellungsgesprächen, in Menschenmassen oder bei Gesprächen mit Kollegen in der Kaffeeküche aufgebraucht. All die Geschichten, die andere erleben – ob sie es in Serien im Fernsehen tun oder als Protagonisten in Büchern oder als Menschen in meinem digitalen oder unmittelbarem Umfeld tun – lese, höre, schaue ich mir an.

Und ganz, ganz selten habe ich dabei das Gefühl: Wow, das muss ich jetzt unbedingt auch probieren. (Einen Dreierpack Drachen aufziehen. Zu Fuß durch Südafrika ziehen. Aus einem Flugzeug springen. Unter einer Kuppel aufwachen. Oder oder.)

Bruce Wer?

Gestern bei WWM. Herr Jauch stellt der Kandidatin eine Frage, in der es um Noah geht. Diesen tierlieben Herrn aus der Bibel, der mit der Arche, der, der Stimmen gehört hat – gut, eine. Jedenfalls: Herr Jauch will also von der Kandidatin  wissen, wie viele Menschen insgesamt auf der Arche waren: 2, 4, 6 oder 8.

So weit, so keine Ahnung.

Und dann sagt mein Couchgegenüber, er wüsste das fast, denn da gäbe es ja dieses eine Lied. Dieses Lied über Noah von Bruce Low, in der die Namen aufgezählt werden.

Ich fragte also:“Wer?“

Er: „Du kennst Bruce Low nicht? Wie kannst Du Bruce Low nicht kennen?“

Ich: „Wen?“

Und dann hatten wir ganz schnell eine Bildungslückendebatte mit Probehören. Mit jeder Note mehr konnte ich weniger fassen, was ich da hörte. Für mich klang es nach einem unglaublich christlichen Mann, der Countrymusik mochte, dann aber doch lieber schmissige Liedchen  über Geschichten aus der Bibel sang. Natürlich verortete ich ihn sofort nach Bayern. Wer im Norden großgeworden ist und dann auch noch in der DDR, der verortet erstmal alles, was katholisch klingt, nach Bayern. Wohin auch sonst. Hier sind ja alle unglaublich gläubig, nicht wahr, natürlich muss das ein Bayer sein, wenn der auf deutsch so pfiffig über Noah singt und bestimmt kennt den auch niemand außerhalb von Bayern. Dachte ich mir also und fragte in die Timeline:

Die Antworten fielen unterschiedlich aus, lassen sich aber ganz gut mit „halb und halb“ auf den Punkt bringen. Offensichtlich war Bruce Low kein rein regionales Phänomen, zumindest kein rein bayrisches.  Die halbe (westdeutsche) Timeline schien jedenfalls unendlich dankbar,  dass durch meine Frage Songtextzeilen und Melodiefetzen aus bestimmt grundlos verdrängter Vergangenheit aufgestört wurden, die andere (ost/norddeutsche) Hälfte fragte schlagfertig wie ich: „Wer?“

Bruce Low kommt tatsächlich sowas von überhaupt nicht aus Bayern, eventuell überdenke ich ein paar Klischees, also, sobald ich diesen fiesen  Ohrwurm los bin. Achso. Wer trotzdem unbedingt möchte: hier gehts zum Video.

If fairytales were news (in the yellow press)

KANNIBALISMUS? VERKOHLTE MONSTEROMA IM WALD ENTDECKT.

EXKLUSIV! Ganz [irgendeinLandindemdasBoulvardblatterscheint] ist entsetzt: Wie viele unschuldige Kinder hat die menschenfressende Monsteroma wohl noch auf dem Gewissen?

[Bild vom Wald mit Pfeil auf Haus der menschenfressenden Oma]

[Unverpixeltes Bild einer unbeteiligten Oma, die dummerweise einen ähnlichen Namen wie die tote kinderfressende Oma hat]

Bildunterschrift: Ding dong, die Hex ist tot!

Der Anblick muss grauenhaft gewesen sein. Zufällig haben 2 Spaziergänger (Julian, 20 und Anette, 18) in einem Haus im Wald die völlig verkohlte Leiche der menschenfressenden Monsteroma entdeckt. Genau dort, wo in den letzten Jahren über 20 Kinder verschwanden. Kann das noch ein Zufall sein??  „Schrecklich. Zum Glück war sie ziemlich tot“. (Julian, 20, Augenzeuge.)

[Bild von Julian, wie er auf die Stelle im Haus zeigt, wo er die verkohlte Leiche gefunden hat]

Die Polizei hat bereits menschliche Überreste im Garten des Hauses entdeckt.

Lesen Sie in unserer morgigen Ausgabe: So hat die Monsteroma die Kinder in ihre Hütte gelockt! Die schockierende Wahrheit!

If fairytales were in the news

In der Nähe von [IrgendeinOrtsnamedenniemandkenntabermittenimWaldliegt] hat sich offenbar ein grausames Verbrechen zugetragen. Wie aus Polizeikreisen berichtet wird, kam eine alte Frau zu Tode, indem sie lebendig in einem Ofen verbrannt wurde. Das Verbrechen trug sich offenbar im Haus des Opfers zu, das nach aktuellem Ermittlungsstand ohne Baugnehmigung in nahegelegenen Waldstück errichtet worden ist und dessen Bestandteilen essbar scheinen. Die Polizei geht zum aktuellen Zeitpunkt von mindestens zwei Tätern aus. Spuren am Tatort – konkret: Zahnabdrücke, die am Haus sichergestellt werden konnten – weisen darauf hin, dass es sich um sehr junge Täter handeln muss, möglicherweise Kinder. Hinweise nimmt jede Polizeidienststelle entgegen.

 

(Offenlegung: Keine Ahnung, ob diese Idee schonmal jemand hatte. (Bestimmt.) Um mir die Freude am Runtertippen nicht zu nehmen, habe ich daher statt zu googeln mit Freude runtergetippt, wie es mir gefiel.)

2013, bilanz(ottelt)

Vorherrschendes Gefühl für 2014?

Ankommen (auf Repeat).

2013 zum ersten Mal getan?

In eine andere Stadt gezogen. (Und dann gleich Bayern.) Einen Umzugs-LKW (teilweise) über die Autobahn bugsiert. Das Couchtier sediert und in eine Transportekiste gepackt und es 8 Stunden lang halb bang, halb amüsiert angestarrt. Einen IKEA-Schrank zusammengebaut und ein Bett. Ein Telefon im Klo versenkt. Einen Job gekündigt. Großartige Menschen verabschiedet. Jemandem voll vertraut. (Super, gerne wieder.) Ein neues Wohnviertel entdeckt. Bayrisch gelernt.

2013 (nach langer Zeit) wieder getan?

Umzugskartons gepackt. Das Meer vermisst.

2013 leider gar nicht getan?

Mich von wirklich Allen/Allem persönlich verabschieden.

2013 glücklicherweise gar nicht getan?

Bereut.

Wort des Jahres?

Waaaaah!

Zugenommen oder abgenommen?

Die Waage beim Umzug „vergessen“ und super gefunden. (Zu, sagen die Kleider. Okay, finde ich.)

Der verrückteste Plan?

Als Preusse nach München zu ziehen.

Stadt des Jahres?

München.

Alkoholexzesse?

Wein. Manchmal mehr als ein Glas zuviel.

Haare länger oder kürzer?

Länger.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger?

Kurzsichtigererer.

Mehr ausgegeben oder weniger?

Mehr. Umzug, Kaution, Möbel.

Höchste Handyrechnung?

So um die 50,- EUR. Glaube ich.

Verliebt?

Getränk des Jahres?

Kaffee. Viel, viel, viel Kaffee.

Essen des Jahres?

Butterbrezn.

Am häufigsten angerufen?

Den Mann.

Die schönste Zeit verbracht mit?

Dem Mann. Dem Kindle. Dem Umherrücken von Möbelstücken.

Die meiste Zeit verbracht mit?

Dem Mann. Dem Kindle. Dem Umherrücken von Möbelstücken.

Musik des Jahres?

Keine Musik an sich, eher das Radioprogramm – Radio Eins ist direkt mit mir nach Bayern umgezogen. (Und hält ganz schön was aus.)

Buch des Jahres?

„Na Servus“ von Sebastian Glubrecht.

Konzert(e) des Jahres?

Keins. (Auf keinem gewesen, aber viel ans Immergut-Festival gedacht.)

TV-Serie des Jahres?

Game of Thrones.

Film des Jahres?

Gravity.

Erkenntnis des Jahres?

Wow, das geht ja alles?!

Herzensangelegenheit?

#Aufschrei

Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten können?

Menschenstau auf der Wiesn. Krank gewesen sein. Abschiede.

Schönste/s Ereignis/se?

Angekommen fühlen. (Ein bisschen mehr.)

2013 mit einem Wort?

Phew.

2014

Da wären wir also. (2014, sag doch mal ‚Hi‘.)

Das Couchtier hat es sich bequem gemacht, nur leider nicht in der Nacht, wenn wir hätten schlafen wollen, nein, da hatte das Couchtier es weder bequem noch schön, nur laut und unzufrieden, aber guck, dafür kann ich schon müde Augen für ein ganzes Jahr machen und, wie heimatlich, in unserer Straße sieht es aus, als wäre an Silvester statt ein paar Raketen und Böller das ungefähre Haushaltsbudget einer Kleinstadt draufgegangen und danach hätte das Geld für die Straßenreinigung gefehlt.  

2013: Zack, verpufft, die Reste zum Anschauen als Best of im Speicher des Telefons, den Rest bunkert das Gedächntis für schlechte Zeiten und die kommen ja immer, das sieht eins ja immer in der Tagesschau, für ein gutes Ende fehlt der Realtiät einfach der Mut für ein Drehbuch oder eine eigene Filterbubble, aber meine gebe ich nicht her, nee.

Es ist müde, der Kopp ist schwer, die Augen klappen selbsttätig zu und tätig werden sollte ich auch längst mal wieder, bloggen zum Beispiel könnte ich mal längst wieder, aber wenn ich das so lese, dann glaube ich das selbst nicht und wenn ich das schon nicht glaube, wer sollte es dann oder gar lesen, also ich weiß ja auch nicht.

Jedenfalls war 2013 so voller Veränderung, ich werde noch einen Teil von 2014 zusätzlich brauchen, um in dieser veränderten Umgebung/ Arbeitswelt/ Wohnung- also, in meinem jetzigen Leben anzukommen und ich hoffe, liebes 2014, du lässt dafür ein bißchen Platz. Hm?