Lose Gedanken zum Erinnern ohne Orte

Ich bin nie weggezogen und doch gibt’s die Orte, an denen ich großgeworden bin, nich mehr. Wenn ich mich erinnern will, besuche ich diese Orte der Kindheit, ich komme zu Fuß oder mit dem Auto, parke es, steige aus, gehe los und erkenne nichts wieder. Wenn ich mich erinnern will, muss ich es in Büchern zum Leben in der DDR nachlesen oder schwarz-weiße Fotos zur Hand nehmen und mich neben die Orte stellen, die Fotos in der Hand haltend und sagen:

„Hier. Genau hier stand ein Konsum. Im Schaufenster standen immer so alte, von der Sonne ganz ausgebleichte Nudelpackungen. Eigentlich waren die Nudelpackungen mal blau und rot, doch das weiß man nur, wenn man täglich am Konsum vorbei kam, über Jahre und nun weiß man es gar nicht mehr, denn der Konsum ist nun ein Wohnhaus mit komischen langen Fenstern, mit weißen Gardinen bis auf den Fußboden.“

Wenn ich mich erinnern will, habe ich das Bild des Hofes genau im Kopf und die Hühner und die schwarz-weiße Katze und die Garage mit den Asbestplatten, den zugewucherten See, zu dem wir radelten, bergauf, bergab, erst zum See, dann Zuhause Tomatenstullen mit klein geschnittenen Gurkenstückchen, weil ich Zwiebeln als Kind nich mochte, aber sehr die Illusion, ich äße Zwiebeln, „wie so ne Große“ .

Den Hof gibt es noch, aber ohne Asbestplatten. Die Katze wohnt inzwischen am Ende vom Garten, gleich neben dem zuletzt gepflanzten Apfelbäumchen. Den See gibts noch, nur fahren nun keine Schulkinder mehr zum Baden hin, weil er abgesperrt und eingezäunt is und schön, aber eben nur dahinter. Und Tomatenstullen, die esse ich immer noch gern, inzwischen mit Zwiebeln, wie so ne Große.

Wenn ich mich erinnern will, würd ich gern das Bild in meinem Kopf über die Orte stülpen, an denen ich stehe, um meine Erinnerung anzukurbeln, doch die Bilder passen nich. Sie sind so verändert, als suchte ich am falschen Ort nach Erinnerungen. Es gibt keine LPG mehr und keine LPG-Kantine, in der ich als Ferienkind Graupen aß und Eintopf und „Tote Oma“. Es heißt immer noch Genossenschaft, Kühe und Saatgut gibt’s auch immer noch, doch darf der Hof bei Strafe nich betreten werden, von Kindern bestimmt schon doppelt soviel nich.

Es gibt die Ferienlager nich mehr, in die wir fuhren, in dessen Kieferwäldchen wir Nachtwanderungen machten, heimlich nachts vom Steg in den See hüpften, Neptunstaufen mit grüner Grütze und Unterduckern hatten und ach ja, die Fahnenappelle, mein Gott, was is das alles lange her und nirgends auf einer Karte zu finden.

Alles platt gemacht, Häuser hingestellt, eingemeindet, neu umzäunt, alles, alles weg, meine, unsere , so viel Geschichte weg und nur gut, dass mein Kopf (noch) Bescheid weiß und sich von den hübschen, toll sanierten Kirchen und modernen Ställen und asphaltierten Straßen nicht erzählen lässt, es wäre nichts gewesen.

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Ein Gedanke zu “Lose Gedanken zum Erinnern ohne Orte

  1. ich les ja schon ne Weile nur so (heimlich) mit und freue mich an Deinem Ton und der Beobachtungsgabe, aber hier werd ich doch mal kenntlich werden…
    Dein Text hat mich ziemlich direkt erwischt.
    Ich kenn das Gefühl sehr genau, hab vor einigen Jahren nur so für meine Papiersammlung mal was sehr Ähnliches mir aus dem Kopf geschrieben (doch anders).Und finde mich heute mit einer merkwürdigen Faszination für Ruinen (lost places) und alten Bildern wieder, als ob ich irgendwas suchen würde. Da kommt das her.
    Bin etwas bewegt 😉

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