Lose Gedanken zur Kindheit ohne Schönheitsideal

Als Kind wusste ich nich, dass es erstrebenswert sein könnte, dünn zu sein. Das Thema Figur, ob dünn oder dick oder schlank, hat soweit ich mich erinnern kann in meiner Kindheit überhaupt keine Rolle gespielt. In dem Dorf in Mecklenburg, in dem ich aufwuchs, wars wichtiger, gut mit jemandem aus dem Konsum zu können, damit er einen früher informiert, wenn es eine Lieferung Bambina-Schokolade gab und dann solange bei Mutti in der Küche zu betteln, eine kaufen zu dürfen.

Ich bin damit großgeworden, keinem Schönheitsideal genügen zu müssen, weil MTV und Modezeitschriften in meiner Kindheit nich vorkamen. Ich bin damit großgeworden, mich und meinen Körper nie hinterfragen zu müssen. Ein Luxus, den vermutlich keine Generation mehr haben wird.

Als Kind fand ich Spaß haben wichtig. Sehr wichtig war zum Beispiel, heimlich im Heu der Scheune zu toben. Außergewöhnlich wichtig war es, den Abhang am Dorfausgang hinunterzukullern. Auch wichtig, aber nich soo toll war es, meinen Bruder aus dem Kindergarten abzuholen. Und am wichtigsten, weil besonders super war es, die Nase in alle Bücher der Mini-Dorfbibliothek zu stecken. Völlig unwichtig war, was und wieviel ich wovon essen durfte. Es gab in meiner Kindheit Essen ohne schlechtes Gewissen. Super. Rückblickend ziemlich toll, Kind gewesen sein dürfen, ohne gewusst zu haben, dass es [optische] Idealbilder von Kindern, von Teenagern, von Erwachsenen gibt und dass Essen etwas anderes sein könnte als zum einen notwendig und zum anderen Genuß.

Meine erste Konfrontration mit dem Konzept Schönheitsideal war, als es in der Wendezeit die ersten Mode- und Jugendzeitschriften bis in unser Dorf schafften und während wir in der Dorfbushaltestelle saßen, eins der coolen Urlaubsmädchen aus Berlin in Jeans ankam und auf die schlanke Figur von der Blonden aus dem Lambada-Video hinwies. Natürlich war mir auch vorher schon aufgefallen, dass Mädchen unterschiedlich aussahen, die eine mit breiteren Hüften ausgestattet war oder die andere dünne Arme hatte und die nächste längere Beine, aber das war für mich normal, wie es normal war, dass wir eben nich alle braune Haare und grüne Augen und Sommersprossen hatten. Wir alle waren unterschiedlich und unsere Figur war ein Teil davon.

Das kam mit der Wende und dann meine Umschulung und hallo, Kulturschock!, als ich und mein von irgendwelchen Rückmeldungen völlig freies Selbstbild neben gestylten, röhrenjeanstragenden Stadtmädchen saß, die nich nur wussten, was Schminke is, sondern sie auch richtig anwenden konnten. Schock Schock Schock!

Plötzlich war Figur nichts mehr, was halt zu einem gehörte, sondern etwas, was änderbar war. Und, wow, eine Änderung war offenbar gewünscht, wenn ich den Mädchen meiner neuen Klasse so zuhörte. Überall machten sie an sich dicke Stellen aus, die ich plötzlich auch wahrnahm. Als Kind hätte ich diese Stellen niemals gesehen.

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