Liebe in Zeiten des Terrors

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Die Welt ist schlecht. Nie war sie so schlecht wie heute, zumindest, wenn man dem allgemeinen Tenor glauben darf. Wir räumen den Schreckensmeldungen unsere ganze Aufmerksamkeit ein und füttern sie, uns, bis uns schlecht ist. Die Welt ist es ja schon, dann darf es uns auch werden. Überall, wo man hinsieht: Tod, Terror, Hass. Und das Ganze im Liveticker, der Twitterstream überschlägt sich, die Panik ebenso.

Tagesschau, Spiegel Online, Twitter, Facebook – es wird berichtet und gemeint und dem Horror der größte Raum geschenkt und ich lese, höre, erfahre mehr und mehr, bleibe aber maximal verunsichert zurück, da Spekulation und Gerüchte das lauteste Rauschen sind und gesicherte Infos erst dann kommen, wenn der große Medienhype und das Interesse schon wieder vorbei ist, weil der nächste Schreckensschlag in den Trends ist.

Die Welt war früher auch schon schlecht, nur haben uns Meldungen nicht mit sekündlichen Updates erschreckt, sondern am nächsten Tag aus der Tageszeitung informiert und dann sachlich, oft schon mit Einordnung ins große Ganze, unaufgeregt.

Wieso geben wir Hass so viel Macht? Jeder potentielle Amokläufer sieht sich bestätigt durch den Medienhype und die erzeugte Angst. Jeder potentielle Menschenfeind wird sich freuen, für seinen Hass eine aus seiner Sicht „höhere Ebene“ gefunden zu haben, indem er sich dem IS zubekennt.

Ich möchte mehr Aufmerksamkeit auf das Positive. Ich möchte es für uns alle. Ich möchte eine Tagesschau, die 15 Minuten lang nur Gutes verrichtet, direkt in Anschluss an den Wetterbericht. Ich möchte eine Medienkultur, die die Sensationsgier nicht befriedigt, sondern uns vor uns selbst. Ich möchte an eine Welt glauben, die auch morgen noch genug Gutes zu bieten hat, um für neue Generation lebenswert zu sein. Ich möchte mehr Liebe als Gegengewicht zum medial übermächtigen Hass. Ich möchte, dass wir genug Mut haben, zu dieser Liebe zu stehen und sie zu zeigen – gerade heute, in dieser ach so schlechten Welt. Wenn Hass eine Botschaft ist, kann nur Liebe unsere Antwort sein.

Ich möchte Meldungen über Menschen, die Gutes tun. Und ich möchte sie nicht nur auf boredpanda.com finden, ich will sie in den Hauptnachrichten. Ich rede nicht von Katzenvideos –auch, wenn sie mir mitunter den Tag retten- nein, ich rede von Hoffnung. Ich rede von einer stärkeren Gewichtung des Positiven. Ich rede davon, dem Hass, dem Schrecken nicht den großen Platz zuzugestehen, wie es aktuell der Fall ist, weil ihn das nur noch größer macht.

Ich möchte, dass mehr lächelnde Gesichter zu sehen sind. Echte Freude. Glückliche Fügungen. Alltagshelden. Sonnenblumen. Gerettete Menschen. Lachende Menschen. Dankbare Menschen. Lebende Menschen. Liebende Menschen. Die gibt es jeden Tag. Und sie sind ein Gegengewicht zum medialen Katastrophenalarm, der ein Dauerzustand geworden ist.

Ich möchte den Hass nicht mehr. Da ich ihn nicht abschalten kann, die Welt nicht im Großen retten kann, kann ich nur meine Aufmerksamkeit auf die guten Seiten, Momente lenken- und versuche, sie selbst zu schenken. Das möchte ich. Und ihr?

Hilft Hass?

Liebes Tagebuch,

eins muss ich dir lassen, kommen kann ich dir ja mit Allem. Egal wie blöd, öde, alltagsbanal die Sachen sind, die täglich in [mir] und um mich herum passieren: ich kann sie dir alle antun. Klaglos nimmst Du hin, wenn das aufregendste Ereignis  des Monats eine Zahn-OP ist oder der verschüttete Kaffee am Morgen. Unbeanstandet bleiben meine Stimmungsschwankungen, unkommentiert meine Ängste, 5 Minuten zu spät zu kommen, und damit den Weltuntergang einzuleiten. Kurz: Du bist so genügsam, dass Du alles hinnimmst, was ich dir gebe und das Schöne daran ist: wenn ich es dir mitteile, ist es einmal durch meinen Kopf, durch meine Finger zu dir geflossen und ich kann es loslassen. Das Banale, das Alltägliche, das Eine-Meene-Mu-Leben, Alles.

Leider sind Nachrichten gar nicht wie du, liebes Tagebuch. Nachrichten werden von anderen gesendet, unter anderem, um mich zu informieren und  nein, ich habe keine Möglichkeit, bevor eine Nachricht auf Hirn und Herz prallt, abzuwägen, ob ich die Nachricht gerade verkrafte. Ob ich die Bilder verkrafte. Den Hass. Die gefühlte Sterilität, mit der sachlich berichtet wird, um objektiv zu bleiben.  Hass, ganz sachlich.

Nein, Nachrichten waren noch nie ein Ponyhof, in dem jedem Ereignis Trost und frisches Heu entgegensetzt wurde, der Ort dafür war immer Twitter. (Auch für Heu.) Das Gegenstück, wo Hass auf mehr Hass trifft dagegen, ist Facebook. Immer mehr habe ich das Gefühl, als wenn die Menschen nicht dieselben sein können, die auf Twitter Kraft und Liebe geben und die, die hetzen, die schrecklichen Tragödien dazu nutzen, aufzuwiegeln, Vorurteile zu verstärken, kurz: zu spalten, zu polariseren.

So wie eine emotionale Spaltung auf Twitter/ Facebook – vielleicht ja nur für mich?- stattfindet, so wird gefühlt die Gesellschaft mitgespalten. Ich weiß nicht mehr, wohin mit all dem Hass, der mich anspringt. Ich fühle ihn nicht, aber ich begegne ihm jeden Tag. Lese ihn. Auf Bildern springt er mir entgegen, kreischt mich in Schlagzeilen an. Je hässlicher, je bestialischer – desto größer, röter die Schlagzeile. Am besten  das Grauen mit Bildern unterlegt. Unverpixelt. Und wer dann noch genug Mut hat, der wagt es, in die Kommentare zu schauen. Da sitzt er, der Hass. Ganz pur.

Ich habe das Gefühl, dass diesmal etwas anders ist. Da, wo wir früher immer sagen konnten, dass wir früher immer das Gefühl hatten, es wäre noch nie so schlimm gewesen wie es jetzt gerade ist. Nur habe ich diesmal Angst, dass all das große Schlimme eine Spirale ist, die größer und größer wird, eine, in der sich Hass befeuert durch Aufmerksamkeit und -geschützt durch sich selbst bestätigenden Filterblasen- sich in Etwas zu entladen, dass das Ende von allem sein kann. Der Welt, wie wir sie (noch) kennen. Das Ende von allem, außer dem Hass. Denn der scheint aktuell das Einzige zu sein, der stetig gefüttert wird.

Liebes Tagebuch: wenn mehr Menschen ihren Hass in ein kleines Buch wie dich kübeln würden, es allabendlich unters Kopfkissen schöben, und Tags darauf erneut läsen – ganz ohne, dass jemand kommentieren könnte: wäre er sich immer noch _so_ sicher? Ohne das Aufschaukeln? Würde er losgehen im Nationalhemd und Jagd auf Dunkelhäutige machen? Würde er sein Luftgewehr zückem und es für eine gute Idee halten, auf Bewohner einer Flüchtlingsunterkunft zu zielen? Und abdrücken? Würden sie mit Reichstagsbeflaggung zur EM nach Frankreich einreisen, um dort auf Fans einzuprügeln?

Ich bin nicht jeden Tag dieselbe. Auch hasserfüllte Menschen müssen lichte Momente – vielleicht die der Liebe, des Glücks, der Klarheit-  haben.  Erkenntnis, vielleicht. Die einseitige Sichtweise der Hasserfüllten lebt von Bestätigung, sie ernährt sich von Nachrichten zum selben Thema und sie braucht Kommentare, das Um-sich-selbst-kreisen. Der Hass füttert den Hass.

Deswegen mag ich das Projekt „Hass hilft“ (hier) gern, weil es versucht, ein Gegengewicht zu schaffen. Und dennoch: es fällt es mir schwer, sogar in einem so gut gedachtem Konzept eine positive Verknüpfung mit dem Wort „Hass“ herzustellen. Hass ist so groß, so stark, so raumnehmend, dass ein +“hilft“ ihn nicht aufhebt. Nicht aufheben kann.

Ja, das ist bekannt und trotzdem: „Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit“ ist das erste, was mir dazu einfällt. Und, natürlich „Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.“ Bestimmt ist all die ausgewogene Berichterstattung über einen Donald Trump, über eine AFD nur Zeichen für eine gesunde Medienlandschaft, die ausgewogen und differenziert über alles berichtet, um sich nicht den Vorwurf gefallen zu lassen, nicht zu berichten. Ja, ganz bestimmt berichten die Medien auch nur deshalb so gern und mit größten Lettern über zündelnden Unfug, weil ein Medienecho, die Empörung nur noch durch Skandal und die folgende  Relativierung zu erreichen ist, das Ganze dann wochenlang über mehrere Headlines.

Es gilt nicht mehr, wer hat Recht – es gilt, wer schreit das Unsäglichste am lautesten heraus und wer schreibt es zuerst auf.

50 tote Menschen in 3 Stunden. 50 Menschen teilweise schwer verletzt. Weil einer hasst. Andere, die anders sind. Oder seine eigenen Dämonen. Viel Spekulation, noch mehr Hass und  wenig Wille zum Differenzieren. Fakten stören beim Spalten nur.

Es gibt täglich neuen Hass, über den berichtet wird. Hass, der sich entlädt, Hass, der Aufmerksamkeit bekommt und noch mehr Hass sät. Ich möchte das Alles nicht mehr. Weder mitanschauen, noch verarbeiten, noch mich fragen, was für Schrecklichkeiten wohl noch geschehen werden. Ich will nicht Rädchen im Kreislauf des Hassens sein.

Können wir nicht ein riesiges Bed-In veranstalten? Mit Liebe überall, Botschaften der Toleranz, des Respektes, der Offenheit – ja,  wo sind sie? Zur Abwechslung ein mal die Zeitungen voll mit Überschriften der Liebe? Mit Herzen und offenen Armen für Alle? Inklusive Kätzchen und free Hugs? Wo verdammt ist die Liebe, wenn wir sie brauchen? Sie bleibt so schrecklich unsichtbar. Ausgerechnet jetzt.

Liebes Tagebuch: der Hass soll nach Hause gehen. Wir können ihn nicht mehr durchfüttern, sonst fressen wir uns selbst.

Angsthops

Sagen wir es, wie es ist: ich bin ein Angsthase. Ob es mit  dem verweigerten Sprung vom 3 Meter Brett anfing oder einem Vortrag in Biologie  über die Vererbungslehre und ich vor der gesamten Klasse stand und mir das Ganze als außerkörperliche Erfahrung vorkam – ich weiß es nicht.

Was ich weiß, ist dass ich nun mit fast 40 Jahren im Vergnügungspark ein ums andere Mal Achterbahnfahrten lieber von der Parkbank aus ansah, während eine Gruppe ungefähr 8jähriger Jungen und Mädchen dem Wagen entstieg und sich sofort erneut anstellte. Rennend, natürlich.

Ich hatte eine Fahrt mit der ältesten und als ‚kinderfreundlich‘gekennzeichneten Bahn nur knapp überlebt -zumindest war ich felsenfest davon überzeugt- und überhaupt: mein Adrenalinspiegel brauchte eine Auszeit. Ein oder zwei Jahre durchatmen, das wäre schön.

Also: Wann hat das Angst haben angefangen? Gibt es ein Alter für’s Angst haben? „Jegliches hat seine Zeit“, sangen die Puhdys dereinst. Gilt das auch für‘s Fürchten? Die beste Freundin sagt, kleine Kinder hätten noch keine Angst, weil sie die Konsequenzen nicht kennen.

Da gibt es diese eine Bild von mir, darauf bin ich 6 oder 7. Und auf diesem körnigen s/w Foto sehe ich schrecklich ängstlich aus. Ich sitze in einem Ruderboot und ich kann nicht schwimmen und ich habe die nackte Panik im Gesicht, obwohl meine Eltern und mein jüngerer Bruder mit im Boot sitzen. Und: mein kleiner Bruder sieht kein bisschen ängstlich aus. Eher abenteuerlustig.

Also: was war da bitte los? (Ich hab das mangels Foto mal, äh, skizziert.)


Wisst ihr noch, wann ihr das erste Mal Angst hattet? Und ging das wieder weg?

Angstfilterblase

Guten Tag, meine Name ist @kullerfieps und ich habe Angst.

Was mir Angst macht, sind die Ängste meiner Familie. Meiner Verwandten. Meiner – ich sage es jetzt – Freunde. Was mir Angst macht, ist, dass meine Verwandten, meine Familie, meine Freunde sagen könnten, sie haben Angst vor den Fremden. Den Unbekannten. Den Geflüchteten.

Weil ich mich dann der Situation stellen muss, die ich sonst durch Entfolgen/Blocken (auf Twitter), Ausblenden/Entfreunden (auf Facebook), wegschalten (Fernsehen) oder Raum verlassen (Büro)ausweichen kann.

Weil ich mir bis dahin vormachen kann, meine Eltern, meine Geschwister, meine Cousins, meine Cousinen, meine Schulfreundinnen wären wie ich immun gegen die Hetze. Weil ich mir bis dahin einreden kann, sie könnten Nachrichten von Aufhetzartikeln unterscheiden, Politik von rechter Propaganda und  wären sich dem Unterschied zwischen Fakt und passend gemacht bewusst.

Weil ich mir bis dahin einreden kann, sie würden Nachrichten außerhalb ihrer Filterbubble wahrnehmen, während ich es mir in meiner schön und bequem gemacht habe und kein Stück besser dadurch bin, weil ich mich auf der richtigen Seite wähne. Unsere modernen Scheuklappen lassen keine Zweitmeinung durch; sie bestätigen, was wir zu wissen meinen. Wir, genauso, wie die „Gegenseite“.

So entfernen wir uns immer weiter voneinander, die Fronten härten aus – bis man dann zu Weihnachten oder zum Geburtstag daheim anruft und wie vor den Kopf gestoßen ist, wenn eine Meinung durchscheint, die bisher schön ausgefiltert war. Das ist ein Problem: in der Familie sind unsere Filter unbrauchbar.

Wir kommen erst zusammen, wenn die jeweilige Meinungsfindung abgeschlossen ist. Wir sind erschrocken, wir stehen davor und verstehen nicht, wie wir uns soweit voneinander entfernen konnten. Wir reden vorsichtig mit zerspringendem Herzen aufeinander ein, ich appelliere an Vernunft und Humanität, ich finde Angst, Verunsicherung und die Hoffnung auf eine einfache Lösung. Eine einfache, menschenverachtende Lösung, denke ich: eine aufgegangene Saat, weil ich, weil wir zulange die Filterscheuklappe getragen haben und ihr Sprießen nicht bemerkt haben wollten.

Ich muss mich plötzlich positionieren und ich kann es kaum sachlich tun, weil es mich so schmerzt. Wie können Menschen, die ich mag, liebe, und/ oder zu meinen Verwandten zähle, tatsächlich glauben, das Problem seien „die Anderen“,“ die Fremden“? Wie kann das sein?

Ich möchte sie schütteln. Ich wünsche mir kurz, ich würde sie nicht kennen. Schließlich hoffe ich, sie zu überzeugen,doch höre ich aus jedem Satz, den ich ins Telefon spreche, mein Zittern, meine Angst selbst heraus. Ich überzeuge nicht, denn ich habe selber Angst. Angst vor den Ängsten meiner Familie.

Während ich still bin, haben Andere Ansätze für mögliche Antworten gefunden:

http://bildkorrektur.tumblr.com/

http://www.mohrenpost.de/2015/07/24/meine-antwort-an-eine-besorgte-buergerin/

http://www.mohrenpost.de/2015/12/25/grenzen-dicht-fluechtlinge-raus-mit-einem-besorgten-buerger-unterm-weihnachtsbaum/

Danke dafür.

Ein superangepasstes Kind

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Manchmal frage ich mich, wer ich geworden ware, wäre es mir egal, was andere Menschen von mir halten. Wie es wäre, herauszufinden, was ich wirklich tun möchte, statt in Betracht zu ziehen, zu tun, was andere gerne tun. Manchmal frage ich mich, wie ich hätte werden können, wäre ich nicht in einem totalitären Staat aufgewachsen, der mir beigebracht hat, so zu sein wie alle anderen sei das erstrebenswerteste, was es gibt. nur, dass es diese anderen nun nicht mehr gibt.

Ich war ein super angepasstes Kind in Pionierkleidung, das Halstuch ordentlich gebunden, stets pünktlich bei den Subotniks (Arbeitseinsätzen an Wochenenden, z.B. Altpapier sammeln, Blumenrabatten harken, Kartoffelkäfer vom Feld sammeln, …) und irgendwann Schriftführerin im Gruppenrat. Ich war das perfekte Pionierkind in einer klar stukturierten Welt, es gab gut (alle kommunistischen Bruderländer) und es gab böse (das kapitalistische Ausland, allen voran die USA und die BRD), es gab keine Grautöne, es war einfach, es gab immer den Staat, den Staatsbürgerkunde-Lehrer, den Pionierleiter, den Arzt, meine Eltern, die mir genau sagten, was ich tun sollte. Und das tat ich dann.

Es gibt eine Sache, an die ich mich erinnern kann, die ich gern gemacht habe, ohne dass es mir nahe gelegt oder empfohlen wurde, und das war lesen. Ich war jeden Samstag in der winzigen Dorfbibliothek und las mich durch sämtliche wenigen Regale. Das Ich, das Individum, das war jemand, den es nur in der Bibliothek gab, wenn ich mir allein ein Buch aussuchte. Sonst war ich die Tochter, die Pionierin, die Schriftführerin, die Altpapiersammelnde, das vorbildliche, fleißige Mädchen, das froh war, dass es klare Regeln gab, innerhalb derer sie wusste, wie sie sich bewegen sollte. Wie ich lernen konnte, was ich selber mag oder tun möchte, davon wusste ich nichts.

Manchmal frage ich mich, was davon erlernt ist und was davon veranlagt ist. Bin ich gern ein angepasstes Kind gewesen, weil es mir Entscheidungen abgenommen hat? Ich entscheide mich noch heute schwer, meistens warte ich, bis mir jemand die Entscheidung abnimmt, sei es bei Aussuchen des Lieferservies oder des Weins im Restaurant oder auch, wohin die Urlaubsreise geht. Sogar meinen Ausbildungsberuf habe ich nicht selbst ausgesucht. Ich bin zum Vorstellungsgespräch gegangen, obwohl ich hatte studieren wollen, weil meine Mutter gesagt hat, etwas Bodenständiges sei wichtiger und tief in mir drin glaubte ich das sehr gern, und jedenfalls, sie haben mich sofort genommen und nun bin ich jemand mit kaufmännischer Ausbildung und 15 Jahren in demselben Beruf, was okay ist. Mehr leider nicht, aber ‚okay‘ ist schon ziemlich viel, finde ich.

Als die DDR sterben ging und alles in sich zusammenbrach, war ich keine 14 Jahre alt und das, was mir von außen Halt und Struktur gab, ging, und, schlimmer, es hatte sich als falsch, wertlos, zerstörerisch und menschenverachtend erwiesen. Die Lehrer, die uns vom großen Bruder Sowjetunion erzählt haben, haben gelogen, die Partei hat gelogen, der Staat hat Menschen weggesperrt, Menschen, die flüchten wollten, an der Mauer erschießen lassen, der hochdekorierte Stalin war ein Schlächter und Tyrann gewesen, das kommunistische Programm eine Idee, die gescheitert war, nicht am kapitalistischen Ausland, nein, an sich selbst und seinen Dogmen.

Alles, was mir, uns von klein auf eingeimpft worden war, war ungültig geworden. Ich, wir waren keine Pioniere mehr und würden nie zu FDJlerinnen werden. Der klar vorgezeichnete Weg war fort und so vielen war das Erleichterung, Freiheit, Freude. Mir war der vorgezeichnete Weg etwas gewesen, was mich sicher gemacht hatte: der Staat hatte einen Plan, einen Weg für mich gehabt(Schule, Ausbildung oder sogar Studium, Werktätige oder Wissenschaftlerin, Elternteil und Erziehende, …) und nun lag statt des Weges vor mir nur ein leeres Blatt Papier, auf das ich nichts zu zeichnen wusste.

Was lag mir? Woran lag mir etwas? Ich hatte keine Ahnung, ich ließ mich treiben. Ich war 14 geworden und wäre eine superangepasste Jugendliche geworden, nur dass die Welt um mich herum nicht mehr die war, an die ich mich hätte anpassen können.

Es war die Zeit, in der ich in mein Tagebuch schrieb, es gäbe nichts wichtiges, als das, was andere Menschen von einem halten. Und glaubte jede Silbe davon. Das superangepasste Kind wurde eine Jugendliche, die glaubte, jede(r) sein zu können, der gerade gefragt war. Der Satz: ‚ich kann jede(r) sein, den du haben willst‘, folgte später nach. Das Gruslige ist, wie lange das bis heute nachwirkt und dass ich gern in meine Jugend zurückreisen würde, um mich selbst bei den Schultern zu packen und mir zuzurufen: „Du bist schon jemand! Du musst nicht sein, wie dich jemand haben will! Tu nur, was Du selbst tun willst!“

Zurück bleiben Erinnerungen an eine Kindheit, die eine Lüge war, Strukturen, die nichts als Scharade waren und eine Jemandin, die nicht weiß, wer ich hätte werden können, dafür aber in einem Land lebt, das mir die Freiheit lässt, es herauszufinden. Irgendwann mal.

All die Dinge, die nicht mein Ding sind

Wisst ihr noch, wie ich nicht wusste, was mein Ding ist? Spoiler: ich weiß es noch immer nicht. Aber mir kam beim Zähneputzen ein Gedanke: wenn ich richtig viele Dinge ausprobiere, kann ich zumindest richtig viele Dinge ausschließen und sie von meiner IST DAS VIELLEICHT GENAU MEIN DING? – Liste streichen. Richtig? Richtig.

Übrig blieben dann nur Dinge, die ich mich nicht traue, weil ich gerne weiterleben möchte und Base-/Bungee-/Doodlejumping einfach nichs für meine schwachen Nerven ist. Ganz besonders Doodlejumping.

Doodle

All good ideas are already taken (I tend to blame it on the internet)

2014-12-28 17.07.42

Neulich erzählte mir eine Kollegin, dass sie jetzt einen Nähkurs macht. Ich war begeistert. Dann erzählte sie davon, dass sie sich außerdem noch mit kreativem Schreiben beschäftigt. Ich war beeindruckt. Für dieses Projekt gab es eine Hausaufgabe, erzählte sie weiter. Jeder ihrer Gruppe musste täglich 3000 Wörter schreiben. Egal was. Es musste nur mit der Hand geschrieben sein. 3000 Wörter.

Wow. Ihre Begeisterung war mitreißend und sie war absolut überzeugt davon, dass DIESE EINE SACHE ihre Sache war. Kreatives Schreiben. Punkt. Da ich keine Ahnung von kreativem Schreiben habe, geht mein Text jetzt einfach ohne super Überleitung in den Teil über, auf den ich vorhatte, überzuleiten, denn MEINE EINE SACHE ist schonmal nicht kreatives Schreiben. Offensichtlich.

Die Sache ist, dass ich nicht weiß, was die Sache ist, weil ich zu beschäftigt bin, immer wieder, Sachen zu tun, von denen ich annehme, sie wären vielleicht meins, weil sie mir an anderen Menschen gefallen, vor allem, weil sie offenbar Personen sind, die Ideen haben, Sachen zu tun – so richtig selbst zu tun! Verrückt. –  statt etwas nachzumachen oder abzugucken aus Mangel an Einfällen wie so jemand, der keine Ahnung hat, was IHRE EINE SACHE ist.

Die Sache ist die, dass ich keine Ahnung habe, was meine Sache ist, und aus diesem Grund probiere ich ständig Sachen aus, von denen ich jedes Mal 100%ig überzeugt bin, das jetzt wäre diesmal wirklich ganz gewiss mein Ding, genau 5 Minuten lang absolute Gewissheit, bis ich von der nächsten coolen Sache im Internet lese und denke, Moment, nee warte, nee – Bäume behäkeln war es doch nicht, es muss Inlineskaten/Backen mit Agavendicksaft/Kalligraphie/Basejumping/Instagram sein. Was habe ich alles probiert, weil ich dachte, Hey, cool!, DAS IST ES.

Essen fotografieren. So, dass es schön aussieht.

2014-07-09 19.21.55(Vielleicht setze ich ein Entschuldigungsschreiben auf, direkt adressiert an die italienische Flagge. Es kam so über mich, ich habe wirklich keine bessere Erklärung für dieses Pastadesaster.  Wobei, hilft es, dass es lecker war? Nein? Dachte ich mir schon.)

Sonnenaufgänge fotografieren. So, dass jeder anders aussieht.
2014-09-15 19.02.50-1(Geht, bleibt aber ein Sonnenaufgang.)

Kuchen backen, und so fotografieren, dass er schön aussieht.
2015-02-14 20.07.17(Wunderschön, nicht wahr?)

Auf der Straße verlorene Zopfgummis fotografieren, so dass sie schön aussehen.

image3(Unmöglich.)

Sport machen, weil es coole Apps dafür gibt. (Ich hasse Laufen immer noch, bilde mir aber ein, dass die Zombies, die mir in den Nacken knurren, unmöglich wissen können, dass ich Laufen ätzender finde als keuchende Untote, die sich von fallen gelassenen Batterien und T-Shirts ablenken lassen. Pffft.. as if.)

Yoga machen, weil es coole Bücher dafür gibt. (Bücher kaufen. Matte kaufen. 3 Tage dranbleiben. Es abends vergessen weil -wer hat das kommen sehen?-, keine Lust. Oh Mist, da ist ja Staub drauf. Bloß schnell die Yogamatte einrollen und hinten in den Schrank stellen, für Morgen, irgendeinen anderen. Vielleicht verschenk ich die Matte zu Weihnachten an jemanden, der echte Leidenschaft für den aufschauenden Hund hat, ach, und Rücken, einen geeigneten Rücken, das wäre hilfreich.)

Den Job kündigen, alle Sachen verkaufen, ein Boot kaufen und auf Weltreise gehen. (Nicht ernsthaft in Betracht gezogen, weil ich mindestens so abenteuerlustig bin wie Chicoree. Einheimischer Chicoree. Gekocht ohne Salz. 5jährigen Kindern serviert, die ihre Spaghetti-mit-Tomatensoße-Phase haben. Es hilft nichts, sehen wir der Wahrheit ins Auge: Chicoree wird eher etwas wirklich Erschütterndes erleben als ich. Dafür kann ich Versicherungen gegen alles abschließen. Eat this, Chicoree!)

Modische Kleidung kaufen, weil es Sendungen darüber gibt, wie modische Sachen irritierend gut an einem aussehen können, OKAY: solange es ein freundlicher Designer kommentiert, und NAJA, solange 217 Regeln beachtet werden, na schön, zuviel Budget müsste auch da sein ist, aber es ist so verdammt überzeugend, also, während eins die Sendung guckt und 10 Minuten danach, aber dann, dann fällt mir wieder ein, mein Lieblingsshirt hat ständig Flecken, was nichts am Status Lieblingshirt ändert und davon abgesehen trage ich sowieso ausschließlich Röcke. Mode also wird vermutlich nicht mein Lebenszweck werden. Mensch, schade.

10.000 Schritte am Tag zu machen, weil meine App mich dann lobt. (Das geht an manchen Tagen super, das lass ich so. Aber: als DIE EiNE SACHE, die ich kann, kommt mir das nicht sonderlich erfüllend vor. Der engangiert lobenden App zum Trotz. Ich meine: DIE EINE SACHE muss größer sein, oder? Als 10.000 Schritte am Tag?)

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Jedenfalls, ich glaube, ich wollte auf etwas hinaus. Nämlich: das Internet ist voll von kreativen Menschen, die wissen, was genau ihr Ding ist. Sie sind lustig, ausdruckstark, zeichnen Cartoons, machen aus Kaffeeflecken Gemälde, schreinern ihre Möbel selbst oder schreiben die lustigsten Blogposts (I am looking at you, das Nuf and at you, everywhereist.com). Es wirkt so mühelos, so einschüchternd, einfach, SO großartig: ich sitze und lache oder ich bin berührt oder denke, WHAT?, wie haben die das nur hingekriegt?

Nun mal ganz im Ernst: Woher zum Teufel wisst ihr alle bitte einfach, dass DIESE EINE SACHE, die ihr macht, genau EUER Ding ist? Sagt mal: wie geht das? Und gebt ihr Kurse? Oder hat es euch jemand verraten? Wenn ja: wer hat es Euch gesagt? Habt ihr es selbst gemerkt? Wie habt ihrs gemerkt? Hat wirklich jeder so eine Sache? Und wie schafft ihr es, bei DIESER EINEN SACHE zu bleiben?

Ist Geduld gratis bei der Eingebung dabei? Trifft es eine(n) wie ein Blitz – Erkenntnis, Apfel, das ganze Programm? – oder ist es ein Prozess, etwas was sich ergibt? Muss man Beziehungen in die Unterwelt haben oder reicht so ein Social Media Experte, um nachzuhelfen? Macht es euch glücklich? Hält es für immer? Wenn ich es heute nicht weiß, weiß ich vielleicht morgen? Und wen genau kann ich noch nerven außer das Internet mit meinen Fragen?

Könnte es nicht auch sein, dass ich dazu verdammt bin, langweilig zu sein und darin ein verdammter Vollprofi? So richtig gut. Ist das die eine Sache, die sonst niemand wollte, und ich habe mich halt nicht rechtzeitig festgelegt und deshalb ist being boring für mich übrig geblieben? Ja?

Ich wünschte wirklich, ich wüsste, was mein Ding wäre. Vielleicht wäre das ja endlich genau mein Ding.